Die Organisation foodwatch verleiht jedes Jahr einen Preis an ein Unternehmen in der Lebensmittelindustrie. Mit dem Goldenen Windbeutel prämiert foodwatch die „dreisteste Werbelüge des Jahres“ und will auf legale Täuschungen im Lebensmittelbereich aufmerksam machen, um bessere gesetzliche Kennzeichnungsregeln zu erwirken.
Quelle: foodwatch.org
Der „Goldene Windbeutel“ ist ein Negativpreis, den die Verbraucherorganisation foodwatch seit 2009 jedes Jahr vergibt. Ausgezeichnet wird dabei das Lebensmittel, das besonders dreist und irreführend beworben wurde – etwa durch falsche Gesundheitsversprechen, geschönte Verpackungen oder versteckte Inhaltsstoffe.
Die Besonderheit: Die Öffentlichkeit entscheidet, welches Produkt den Preis bekommt. Verbraucherinnen und Verbraucher können online abstimmen und so selbst mitbestimmen, welches Unternehmen zur Rechenschaft gezogen werden soll.
Ziel des Preises ist es, auf Missstände in der Lebensmittelwerbung aufmerksam zu machen. Denn viele Produkte wirken auf den ersten Blick gesund, natürlich oder nachhaltig – doch ein Blick auf die Zutatenliste oder die Herkunft zeigt oft ein ganz anderes Bild. foodwatch will diese Widersprüche sichtbar machen und Unternehmen dazu bringen, ehrlicher zu kommunizieren.
Die Reaktionen der Hersteller fallen unterschiedlich aus: Manche ignorieren die Kritik, andere ändern ihre Rezeptur oder nehmen das Produkt sogar vom Markt. Das zeigt: Öffentlicher Druck kann etwas bewegen. Der Goldene Windbeutel ist deshalb mehr als nur ein symbolischer Preis – er ist ein Werkzeug für mehr Transparenz, Fairness und Verbraucherschutz im Supermarktregal.
Inhaltsverzeichnis
Unser Favorit: Das Airfryer-Backin von Dr.Oetker
Premiumpreise für Trends: Das Airfryer-Backpulver soll speziell für Heißluftfriteusen entwickelt worden sein – für ein leichterers, besseres Backergebnis. Und es enthält tatsächlich auch eine neue Zutat zur bestehenden Rezeptur. Diese Zutat heißt Glucono-delta-lacton (E 575). Dieser Zusatzstoff ist unbedenklich und eigentlich für Teige mit längerer Gehzeit und kürzeren Backzeiten gedacht. Mit dem Glucono-delta-lacton soll sich auch der höhere Preis erklären (ein fast verdoppelter Kilopreis verglichen zum Standard-Backpulver).
Nur gibt es da einen kleinen Haken: das Pulver funktioniert nicht. Auch wenn man, wie Dr.Oetker angibt, 40% mehr Pulver in die Backmischung gibt als bei ihrem normalen Backin-Pendant.
Woher wir das wissen? Stiftung Warentest hat Tests durchgeführt, in denen sie genormte Muffins gebacken haben (wie auf der Verpackung abgebildet). Die Muffins sind im Durchschnitt einen (1) Milimeter aufgegangen. Dabei sollen sie doch laut Herstellerversprechen fluffiger und größer, das Backergebnis besser sein!
Wofür wir in Wirklichkeit zahlen: für das Wort „Airfryer“. Um Heißluftfriteusen ist in den letzten Jahren ein solcher Wirbel (Hype) entstanden, dass Menschen bereit sind, einen Premiumspreis zu bezahlen, für „neue, spezielle“ Produkte – die sich nicht wesentlich von ihrem Vorgänger unterscheiden. Dasselbe sieht man aktuell auch mit den Begriffen „Proteinreich“ oder „Matcha“. Es ist nicht abzustreiten, dass diese Produkte nützlich sein können. Aber viele Hersteller verändern kaum etwas an der Grundrezeptur ihres Produktes – stattdessen wird die Verpackung mit trendigen Begriffen zugestopft und die Gewinnmarge hochgeschraubt.
Genau die gleiche Masche fährt übrigends ein weiteres Produkt in der Windbeutel-Kandidatenliste: der Bio-Joghurt Matcha Mango von Andechser Natur. Enthählt 0,1% Matcha, das ist witzlos.
Weitere Kandidaten
(Un)natürliche Zutaten
Begriffe wie „natürlich“, „ohne künstliche Zusätze“ oder „wie hausgemacht“ klingen vertrauenswürdig – doch oft steckt etwas anderes dahinter. Viele Produkte werben mit Natürlichkeit, enthalten aber Aromen, Farbstoffe oder Zusatzstoffe, die im Labor hergestellt wurden.
Ein gutes Beispiel ist der Begriff „natürliches Aroma“. Er klingt harmlos, doch tatsächlich kann ein solches Aroma auch aus Holzspänen oder Schimmelpilzen gewonnen werden – Hauptsache, der Ursprung war einmal „natürlich“. Für Verbraucher ist das kaum nachvollziehbar.
Auch Verpackungen können täuschen: Sie zeigen große, saftige Früchte, obwohl im Produkt nur Spuren davon enthalten sind. Oder es steht „ohne Zuckerzusatz“ auf dem Etikett – obwohl Fruchtsaftkonzentrat als Süßungsmittel verwendet wird, das ebenfalls Zucker enthält.
Der Goldene Windbeutel macht auf solche Marketingtricks aufmerksam. Denn echte Information beginnt bei der Zutatenliste – und sollte nicht schon beim Verpackungsdesign enden. Wer einkauft, hat ein Recht darauf zu wissen, was wirklich im Produkt steckt. Und auch was nicht.
Auch die VSZ findet diese Art der Verbrauchertäuschung unverschämt! (Link zur Pressemitteilung) >>>
Windbeutel-Kandidat 2026:
LaVita-Mikronährstoffkonzentrat von LaVita-GmbH. 100 €/L, um „fit fürs Leben“ zu sein. 100 €/L für etwas, dass größtenteils aus Fruchtsaftkonzentrat besteht. 100 €/L für ein „natürliches“ Mittel, das synthetisch hergestellte und teils stark überdosierte Vitaminmengen enthält.
„Health Claims“
„Stärkt das Immunsystem“, „gut für Herz und Kreislauf“, „mit wertvollen Vitaminen“ – solche Gesundheitsversprechen findet man auf vielen Lebensmitteln. Sie klingen gut und sollen zum Kauf anregen. Doch oft sind diese Aussagen nicht wissenschaftlich belegt oder beziehen sich nur auf einzelne Zutaten – nicht auf das gesamte Produkt.
Ein Joghurt mit zugesetzten Vitaminen kann trotzdem viel Zucker enthalten. Ein Müsliriegel mit Ballaststoffen ist nicht automatisch gesund, wenn er gleichzeitig viele Kalorien oder Fett enthält. Solche Werbeaussagen erwecken den Eindruck, dass ein Produkt gesund ist – obwohl das nicht unbedingt stimmt.
In der EU gibt es zwar Regeln für sogenannte „Health Claims“, also Gesundheitsversprechen auf Lebensmitteln. Doch diese Regeln werden nicht immer konsequent umgesetzt. Genau hier setzt der Goldene Windbeutel an: Er macht auf solche Täuschungen aufmerksam und fordert strengere Kontrollen.
Denn Gesundheit ist ein sensibles Thema – und sollte nicht für Werbung missbraucht werden.
Windbeutel-Kandidat 2026: Die Libido-Bären (Oh Yeah Bear Vitamin von Beautybears GmbH) werben damit, dass sie das Leben mit etwas mehr „Würze“ bereichern können. Doch der Spaß kostet nicht nur einiges (60 € für 25 Bärchen), sondern besteht zum grösten Teil aus Zucker (sogar noch mehr als Haribo). Die Effekte sollen durch Zusatzstoffe und Vitamine erreicht werden, die jedoch keine belegbare Wirkung haben.
Shrinkflation
Windbeutel-Kandidat 2026: Airwaves Cool Cassis von Mars – aus zwölf Kaugummis in der Packung wurden zehn. Der Preis bleibt aber der alte!
So etwas nennt sich „Shrinkflation >>>“ und bedeutet: Die Verpackung bleibt gleich, der Preis i. d. R. auch – aber der Inhalt wird weniger. Viele merken das erst beim genaueren Hinsehen. Ob Schokolade, Chips oder Waschmittel: Immer mehr Produkte werden heimlich verkleinert, während der Preis pro 100 Gramm oder Milliliter steigt.
Diese Methode ist zwar rechtlich erlaubt, aber für viele Verbraucher nicht sofort erkennbar. Hersteller umgehen so offene Preiserhöhungen, besonders in Zeiten, in denen ohnehin alles teurer wird. Das sorgt für Frust und Misstrauen.
foodwatch fordert deshalb: Änderungen bei der Füllmenge müssen klar gekennzeichnet werden. Wer weniger bekommt, sollte das auch deutlich sehen können. Denn ehrliche Verpackungen sind ein wichtiger Teil von fairem Konsum.
Wie wähle ich den Windbeutel?
Die Wahl zum Goldenen Windbeutel ist öffentlich und einfach: Jedes Jahr im Juli stellt foodwatch fünf Produkte zur Abstimmung, die ganz besonders durch irreführende Werbung oder falsche Versprechen aufgefallen sind. Die Auswahl basiert auf Recherchen, Beschwerden von Verbraucherinnen und Verbrauchern sowie Marktanalysen.
Wer mitmachen möchte, kann auf der Website von foodwatch >>> bis zum 5. Juli abstimmen. Die Teilnahme dauert nur wenige Minuten.
Die Ergebnisse der Abstimmung werden veröffentlicht, und die Hersteller werden direkt mit der Kritik konfrontiert. Manche reagieren mit Ausreden, andere ändern tatsächlich etwas. So zeigt die Wahl: Verbraucher haben Macht – wenn sie sich gemeinsam äußern.
Noch mehr Tricks der Industrie
Eine nachhaltige Lieferkette?
Die Produktion von Lebensmitteln ist heute weltweit vernetzt – und das hat Folgen. Ob Kakao aus Westafrika oder Avocados aus Chile: Die Art und Weise, wie ein Produkt hergestellt und transportiert wird, hat Auswirkungen auf die Umwelt, die Arbeitsbedingungen und die soziale Gerechtigkeit.
Nachhaltigkeit bedeutet dabei mehr als nur ein Bio-Siegel. Es geht auch um faire Löhne, transparente Herkunft und eine umweltschonende Produktion. Doch viele Unternehmen nutzen Begriffe wie „nachhaltig“, „regional“ oder „klimafreundlich“, ohne genau zu erklären, was sie damit meinen. Diese Begriffe sind oft nicht geschützt – und können leicht für sogenanntes Greenwashing verwendet werden.
Wenn eine faire Lieferkette schützt nicht nur Mensch und Natur, sie schafft auch Vertrauen. Wer ein Produkt kauft, möchte wissen, woher es kommt und wie es hergestellt wurde. In einer globalisierten Welt ist Transparenz keine Kür, sondern Pflicht.
Influencer in der Lebensmittelindustrie
Influencer spielen heute eine große Rolle in der Werbung, auch bei Lebensmitteln. Ob Proteinriegel, Superfood oder Kinderjoghurt: Viele Produkte werden auf Instagram, TikTok oder YouTube vorgestellt. Oft sieht das wie eine persönliche Empfehlung aus – doch in Wirklichkeit handelt es sich um bezahlte Werbung. Leider wird das nicht immer klar gekennzeichnet.
Gerade junge Menschen sind für diese Art der Werbung besonders empfänglich. Sie vertrauen ihren Lieblings-Influencern, und merken oft nicht, dass es dabei um Verkaufsstrategien geht. Problematisch wird es, wenn Produkte mit falschen Gesundheitsversprechen beworben werden oder bedenkliche Zutaten verharmlost werden.
Die Grenze zwischen ehrlicher Meinung und bezahlter Werbung ist oft schwer zu erkennen. Genau deshalb nimmt der Goldene Windbeutel auch diese neue Form der Verbrauchertäuschung ins Visier.
Verbraucherschutz bedeutet heute auch: Medienkompetenz stärken. Werbung muss klar erkennbar sein – egal ob im Fernsehen oder auf Social Media. Unternehmen und Influencer tragen Verantwortung für das, was sie bewerben. Und Verbraucherinnen und Verbraucher haben ein Recht auf ehrliche Informationen.


